Geboren auf Sylt: Henriette Hirschfeld-Tiburtius

Für die Frauenbewegung ist sie ein leuchtendes Vorbild: Als erste studierte Zahnärztin war Henriette Hirschfeld-Tiburtius in Deutschland eine überzeugte Kämpferin und Wegbereiterin für das Recht der Frauen auf eine akademische Ausbildung. Am 14. Februar 1834 kam sie als Henriette Therese Friederike Pagelsen in Westerland als Drittgeborene einer Pastorenfamilie zur Welt – schon bald darauf kehrte die Familie allerdings Sylt den Rücken und siedelte aufs Festland um. Im Alter von 19 Jahren wurde sie mit dem Gutsbesitzer Christian Hirschfeld verheiratet, der damals bereits 30 Jahre alt war. Da er jedoch immer mehr zum Opfer seiner Trunksucht wurde und der gemeinsam bewirtschaftete Hof bei Kiel bald hochverschuldet war, scheiterte die Ehe schnell. Henriette Hirschfeld verließ ihren Mann und ließ sich 1863 scheiden. 

Neustart ohne Mittel 

Ihr neues Leben begann Henriette Hirschfeld mit einem Umzug nach Berlin, sie kam zunächst bei einer verheirateten Freundin unter. Als Kind hatte sie immer wieder Zahnschmerzen gehabt, die sehr grob behandelt wurden – daraus erwuchs ihr Wille, Zahnmedizin zu studieren und Zahnärztin zu werden. Einen spezifischen Studiengang dafür gab es damals nicht, außerdem war bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts Frauen der Zugang zu Universitäten grundsätzlich verwehrt. Ganz allein reiste Henriette Hirschfeld daher im Oktober 1867 nach Philadelphia in die USA – für die damalige Zeit ein unerhörtes Vorhaben. Als einzige Frau unter zahlreichen männlichen Kommilitonen wurde sie zum Studium am Pennsylvania College of Dental Surgery zugelassen, nach anfänglicher Ablehnung nannte man sie dort wegen ihres zuvorkommenden Wesens bald freundschaftlich „little mother of the class“. Nach zwei Jahren schloss Hirschfeld ihr Studium erfolgreich als „Doctor of Dental Surgery“ ab. 

Zurück in die alte Welt 

Obwohl ihr sofort eine Stelle in den USA angeboten wurde, eröffnete Henriette Hirschfeld ihre erste Praxis in Berlin. Die Praxis war ein voller materieller Erfolg. Im Winter 1872 war dann auch ihr privates Glück vollkommen: Sie heiratete den Militärarzt Karl Tiburtius. Von ihm bekam sie zwei Söhne – den zweiten Sohn mit immerhin 42 Jahren, in der damaligen Zeit ein sehr gewagtes Alter für eine Mutterschaft. Die Tatsache, dass Henriette Hirschfeld-Tiburtius eine exzellente Zahnärztin war, brachte ihr eine Ernennung zur Hofärztin von Kaiser Friedrich III. und seiner Gattin Kronprinzessin Victoria ein. Neben ihrer beruflichen Tätigkeit engagierte sich Hirschfeld-Tiburtius unermüdlich für „junge, gefallene Mädchen“ und gründete in einem Berliner Arbeiterviertel gemeinsam mit ihrer Schwägerin die erste von Frauen geleitete Poliklinik. Nach 30 Arbeitsjahren zog sie sich aus ihrem beruflichen Leben zurück und starb 1911. Ihr zu Ehren wurde 2008 in Westerland ein Fußgängerweg zum „Henriettenweg“ ernannt.