Seenot anno dazumal: Raketenapparate und Hosenbojen

Der Seenotrettungskreuzer „Pidder Lüng“ liegt im Hafen von List und das Freiwilligen-Seenotrettungsboot „Horst Heiner Kneten“ in Hörnum. Gemeinsam kümmern sich die beiden Schiffe um Menschen, die vor der Küste Sylts in Not geraten. Wie aber wurden Schiffbrüchige früher gerettet? Wir werfen einen Blick zurück. 

Die Stunde der Raketenapparate
Im späten 19. Jahrhundert war es um Schiffbrüchige noch nicht so gut bestellt, oft kamen bei Havarien Seeleute um. Auf der Insel mangelte es schlicht an Rettungsmitteln. So klagte der Sylter Chronist Christian Peter Hansen Mitte des 19. Jahrhunderts: „Die Regierung hat bisher für die Rettung der Schiffbrüchigen nichts getan und überlässt dies den Strandvögten und Privatvereinen.“

Im Jahr 1865 wurde in Kiel die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger gegründet, die ab 1868 auch die Insel Sylt mit Materialien versorgte. Zu diesen Utensilien gehörten Rettungsboote, die immer dann zu Einsatz kamen, wenn es um die Bergung von Schiffbrüchigen ging. Wenn allerdings starker Seegang verhinderte, dass die Boote auslaufen konnten, schlug die Stunde der sogenannten Raketenapparate. Ein solcher Apparat schoss ein rund 400 Meter langes Seil zum havarierten Schiff, anschließend musste das Seil befestigt und ein starkes Tau an Bord gezogen werden. An dem Tau war eine Hosenboje befestigt, eine Art Rettungsring mit daran befestigter Segeltuchhose, in der jeweils ein Seemann an Land gezogen werden konnte. 

Die Tragödie der „Reintjedina“ 
In der Praxis lief allerdings der Einsatz der Raketenapparate nicht ohne Tücken ab – besonders in der Dunkelheit oder während eines Sturms war es schwierig, das Ziel anzuvisieren. Als Beispiel dient die Tragödie des englischen Seglers „Reintjedina“ am 29. Oktober 1890. Erst mit der 19. Rakete gelang es, das vor Wennigstedt auf Grund gelaufene Schiff zu treffen. Aber beim Einholen verfing sich das Seil an einer Steinbuhne und fiel aus. Es bedurfte über zehn weitere Versuche, bis eine Rakete erneut ins Ziel fand. Ein Matrose der „Reintjedina“ konnte über das Seil geborgen werden, beim zweiten, dem Steuermann, riss das Seil, und der Mann ertrank. 

Am nächsten Morgen wurden weitere Raketen abgefeuert, inzwischen waren fast alle Geschosse aus den Lagerhallen in Westerland, Kampen, Rantum und List verbraucht. Zwei Mann harrten noch der Rettung – der Kapitän und der Schiffjunge. Derweil war auch das Rettungsboot „Theodor Preusser“ von Amrum aus unterwegs. Das Boot hatte die „Reintjedina“ fast erreicht, als es vor Hörnum kenterte. Von den acht Männern Besatzung ließen zwei ihr Leben. Erst am 31. Oktober legte sich der Sturm und Helfer gelangten per Rettungsboot zu dem englischen Segler. Für Kapitän Edmond Reid zu spät, er konnte nur noch tot geborgen werden. Der Schiffjunge hatte dagegen überlebt.