Sylt – winterliches Kunstvergnügen im hohen Norden

Die Insel Sylt, so wie wir sie heute kennen, entstand vor rund 400 Jahren; als Insel zum Kuren und Erholen gilt das Jahr 1855 – und vor rund 100 Jahren entdeckten Künstler und Kulturschaffende die nördlichste Insel Deutschlands. Große Namen verbergen sich in der Kartei Sylts…

Ferdinand Avenarius, Herausgeber einer Kunstzeitschrift aus Berlin, ließ sich 1903 auf Sylt nieder. Ihm folgten viele Künstler, Literaturschaffende und Theaterleute. 1928 etwa tauchte Thomas Mann für eine Woche im Haus Kliffende auf. In den 20er und 30er Jahren kamen der Maler Emil Nolde, der Verleger Ernst Rowohlt, der Schriftsteller Kurt Tucholsky und die Balletttänzerin Gret Palucca auf die Insel. Peter Suhrkamps Haus spielte bis nach dem 2. Weltkrieg eine große Rolle: Er lud Robert Musil oder auch Carl Zuckmayer in das Inseldorf Kampen. Nach dem Tode von Suhrkamp 1959 bevölkerten Presse-, Film- und Fernsehleute mehr und mehr die Insel.

Aber die guten alten Zeiten sind nicht vorbei. So rief die Literaturwissenschaftlerin Indra Wussow auf einem großen Gelände der Sylter Mineralwasserabfüllanlage Syltquelle eine Kulturstiftung ins Leben. ‚Kunst: Raum Syltquelle’ in Rantum begeistert seit dem Jahr 2000 Künstler aus aller Welt: Es begann mit Ausstellungen und der Ausschreibung des ‚Sylter Inselschreibers’. Indra Wussow schuf einen Ort zum Malen, Fotografieren und Performen. Die Stiftung vergibt zudem Stipendien für Bildende Künstler, Autoren, Komponisten und Theatermacher. Zu finden ist der Raum Syltquelle in der Hafenstr. 1. In einem lichtdurchfluteten Atrium offenbart sich hier moderne Kunst und Kultur. Mit nationalen Kooperationspartnern wie etwa dem Literarischen Colloquium Berlin, dem Schleswig-Holstein Musik Festival und internationalen Partnern, zum Beispiel aus Südafrika, Lettland oder Java schafft die Stiftung ein kulturelles Netzwerk und einen durchaus lebendigen Treff für Musiker, Schriftsteller, Theatermacher und bildende Künstler. Als Inselschreiber 2011 wurde Ende August 2010 der Kölner Autor Gunther Geltinger bestimmt.
Und auch die Interessierten an der Wissenschaft kommen nicht zu kurz: Der Wissenschaftssommer Sylt bietet Besuchern eine interessante Veranstaltungsreihe.

Bis zum 16 Januar 2011 erfreut ‚Anywhere’ die Besucher. Der in Münster lebende Kunstfotograf Thomas Wrede präsentiert Landschaftsaufnahmen aus dem Kohleabbaugebiet in der Lausitz und Aufnahmen vom Nordseestrand als mikroskopische und panoramatische Kulisse für eine künstlerische Raumerfindung. Die Ausstellung läuft gemeinsam mit dem Museum Kunst der Westküste.

Kalte Nächte – heiße Musik

Musikfreunde kommen auch im Winter nicht zu kurz. Am 27. November gibt es im Budersand Hotel in Hörnum, Am Kai 3, ‚Jazz Ballads’ mit Thomas Siffling (Flügelhorn, Trompete) und Daniel Prandl (Klavier) und am Samstag, dem 18. Dezember, Besinnliches, Heiteres und Satirisches mitten im Advent mit Christian Quadflieg. Die Szene erinnert an die Salonkonzerte des 19. Jahrhunderts: Konzert und Gastronomie ergänzen sich auf Wunsch zu einer Einheit.

Bis Ende November ist die Nolde-Stiftung geöffnet, die Werke des Malers und seine Liebe zur Natur ausstellt. Die Nolde-Stiftung liegt in Neukirchen. Der SyltShuttle und die Sylter Verkehrsgemeinschaft bieten herzu Fahrten an. Nolde arbeitete während der Nazi-Zeit vielfach im Verborgenen. So beinhaltet die Ausstellung auch 32 der ‚Ungemalten Bilder’, kleine Aquarelle, die der Maler heimlich schuf.

Eine andere Körperwahrnehmung

Aktiv sein kann man auch im Urlaub: Das Klappholttal in List auf Sylt bietet hierzu verschiedene Kurse an, etwa ‚Singen und Körperwahrnehmung’ sowie ‚Singen und Yoga’ (jeweils vom 20. bis 27.11.). Das Trio a Due, Ewa Alfred und G. Tommie Boehrk-Tully beweisen hier den Hörern und Teilnehmern, wie über Sprache physische und psychische Selbstheilungskräfte reaktiviert werden können. Ab 25.11. gibt Bettina Auselt ein Seminar zum Thema ‚Yoga und Meditation’. Und ab 28.11. leitet Pia Bausch eine Veranstaltung zum Thema ‚Qi-Gong und Tai Chi’. Das Kalppholttal ist eine der ältesten Volkshochschulen Deutschlands und wurde bereits 1919 gegründet. Die Teilnahme an den Kursen wird vom Schleswig-Holsteinischen Gesetzgeber anerkannt.

4000 Pfeifen und 46 Register

Sylts Kirchen sind nicht nur christliche Stätten, sondern Dank ihrer Musiker auch Orte, um Kunst zu genießen. So setzt der Organist Alexander Ivanov die Keitumer Mittwochskonzerte fort, die von Wilhelm Borstelmann und Matthias Eisenberg begründet wurden. Konzerte kirchlicher und weltlicher Musik gibt es auf der Mühleisen-Orgel in der Kirche St. Severin in Keitum am 24. November sowie am 1., 8., 15. und 22. Dezember und am 29. und 31. Dezember. Zusätzlich präsentiert der Shanty-Chor am 13. Dezember internationale Shanties und Seemannslieder.

Die Kirchen St. Niels und St. Nicolai in Westerland offerieren ‘Adventsmusiken 2010′ (St. Niels) am 28. November sowie in St. Nicolai das Adventskonzert des Sylter Blechbläserensemble am 5. Dezember, das der Musikschule Sylt am 12. Dezember, und das des Sylter Shanty Chores am 19. Dezember. Das Weihnachtskonzert der Kantorei findet am 28. Dezember statt und am 31. Dezember klingt das vergehende Jahr musikalisch mit Pauken und Trompeten aus.

Handwerkliches Geschick

Was die Musiker auf ihren Instrumenten zaubern, verlangt neben Talent auch handwerkliches Geschick. Kunsthandwerker, die ihre Talente und ihr Geschick ganz anders einsetzen, finden die Sylt-Besucher im Osten der Insel. Glasgestalter, Gold- und Silberschmieden, Keramiken und Töpferarbeiten, Handweberei, Ledermanufakturen laden in ihren Werkstattläden Besucher dazu ein, bei ihrer Arbeit über die Schultern zu schauen und sich auch das eine oder andere Schmuckstück mit nach Hause zu nehmen. Im Restaurant des Benen-Diken Hotel in Keitum findet eine Kunsthandwerker-Tafel statt, an der sich auch Gäste gerne beteiligen können.

Bleiben für den Kunstliebhaber auf der winterlichen Insel Sylt noch die Galerien für eine Entdeckungsreise So präsentiert etwa die Galerie Art Scheel die Sylter Landschaft in Szene gesetzt von Gegenwartskünstlern. Das Galerie-Café lädt bei Kaffee oder Friesentee zu verschiedenen Ausstellungen ein. Cornelia Kamp hingegen folgt keinen Richtlinien. In ihrer Galerie gibt es neben Figurativ-Abstraktem in den Wintermonaten eine Ausstellung des Sylter Fotografen Hans Jessel. Die Galerie Rudolf widmet sich den Künstlern des 20. Jahrhunderts und zeigt Werke von Picasso, Kandinsky, Pechstein und Dix und bietet eine außergewöhnliche Sammlung von Werken des Berliners Heinrich Zille. Und auch die Galerie Peerlings widmet sich bekannten Künstlern, etwa Chagall, Max Ernst oder auch Matisse und Miro.

Auch Mecklenburger kennen Sylt

An aktuellen Ausstellungen gibt es ‚Kein Stillstand’. Acrylarbeiten der Mecklenburger Künstlerin Ute Laum zum Thema Sylt begeistern die Zuschauer im Hotel Rungholt in Kampen bis Ende Dezember.

Sylter Kunstfreunde gestalteten in der Stadtgalerie “Alte Post” in Westerland einen Ausstellungsquerschnitt ihrer Aktivitäten. Die Ausstellung ist bis zum 30. November zu sehen. Die Malgruppe ‚Wir aus der Kreativscheune Braderup’ um Inge Dethlefs stellt in ihrer Werkschau unterschiedliche Techniken vor: Aquarell, Acryl, Pastellkreide, Kohle, Federzeichnung, Linol- und Holzschnitt, Collagen, Mischtechnik und Sandbilder sowie Skizzen zum Thema Akt. Fotos von Sam Tarnero und Christian Ostermann vervollständigen die Werkschau. Die Band “Black Coffee” aus der Kreativscheune mit Sängerin Leonore Retiene bringt Jazz- und Popstücke aus ihrem Repertoire zu Gehör.

Und wer sich von den angebotenen Ausstellungen nach etwas Ruhe und Einkehr sehnt, sollte den Mörsumer Bücherschrank besuchen, der immer Dienstags bis zum 31.12. ab 16 Uhr geöffnet ist. Im Muasem Hüs lässt sich hier Besinnliches für winterliche Tage finden. Und Dienstags abends geht es dann ab 20 Uhr ins Teehaus in Westerland, Strandstr. 28. “Liebe, Triebe, Seitenhiebe – Ihnen kann ich’s ja sagen…” meint Sängerin Sabine Krüger in ihren witzigen und gut pointierten Chansons.

Foto: Michael Kempf – Fotolia.com